Ist Lernen anstrengend?

Lernen Mindmap

Durch diesen Blogbeitrag von Theo Byland über Bilder zukünftigen Lernens bin ich auf die Idee gekommen mal über den Begriff “Anstrengung” im Lernprozess zu recherchieren und ein wenig nachzudenken. Die vielen neuen Lerntools, OER-Materialien, einfach zu bedienende Software oder gar Lern-Apps lassen “Lernen”  immer öfter als einfach und ohne Anstrengung realisierbar erscheinen. Ist da was dran, ist Lernen ohne Anstrengung möglich, quasi im Vorbeigehen, wenn man nur das richtige Tool oder die richtige Methode hat. Neu ist diese Vorstellung jedoch nicht. Schon Johann Amos Comenius (1592 – 1670) versprach in seiner “Großen Didaktik” 1628 allen alles vollständig zu lehren und zwar rasch, angenehm und gründlich. Wo stehen wir eigentlich seit Comenius. Zunächst stieß ich auf diesen Artikel aus der Faz vom 14.09.2008, der verspricht das wenige Minuten pro Tag ausreichen um in einem Fach “Neues” zu Lernen. Allerdings bezieht sich das “Lernen” in dem Artikel eher auf das “Auswendiglernen” und “Das Wiederholen” von Lernstoff. Das läuft alles auf die Konditionierung nach der behavioristischen Lerntheorie hinaus, die inzwischen als überholt gilt, da sie nicht alle Aspekte des Lernens erfassen kann und nicht berücksichtigt, das sich der Lernende aktiv mit seiner Umgebung auseinandersetzt. Dazu kommen noch ein paar sehr fragwürdige Hinweise, die Computerspielen als hinderlich für das Lernen bezeichnen und eine Stunde vor und nach dem Lernen dringend vom Gebrauch abraten. Über 20 Minuten täglich am PC Spielen würde sogar Gehirnzellen vernichten. Da der Artikel von 2008 ist müsste eine “hirnlose Nerdgeneration” unter uns inzwischen ziemliches Chaos verbreiten. Weniger Anstrengung verspricht auch 2011 die Zeitschrift Focus Schule, wenn man die richtigen 55 Lerntipps berücksichtigt. Wie das Erlernen des Fahrradfahrens soll es funktionieren und nach  ein bisschen Anstrengung (huch, aber nur noch ein bisschen) beim Lernen der richtigen Lerntechniken kommt man dann schneller und leichter voran. Richtig Lernen ist hier die Devise, wer falsch lernt ist selber Schuld schreibt der Focus. Einschränkend wird dann aber doch beschrieben, dass es ganz ohne Mühe nicht geht, die richtigen Lerntechniken sollen es nur leichter, effektiver und mit mehr Freude ermöglichen. So versprechen auch die 55 Tipps vom Focus kein anstrengungsfreies Lernen, sondern nur gute Werkzeuge. Ich muss dabei immer wieder an einen Marathonläufer denken der glücklich und strahlend über die Ziellinie läuft. Er ist bis dahin 42 km gelaufen und hat sicher viel Anstrengung gebraucht und so manchen “inneren Schweinehund” überwinden müssen und das sicher nicht nur im Lauf, sondern auch in der langen Vorbereitungszeit darauf. Dabei sind trotz Laufens bestimmt auch immer wieder Glücksmomente oder Augenblicke der Freude dabei gewesen. So verbindet Stefanie Werner auf ihrem Blog “lecturio” auch in Bezug auf das Lernen die Begriffe Freude und Anstrengung und postuliert: Der Tag vergeht schneller mit Freude “und” Anstrengung. Der Psychologe Lothar Linz bezieht in seiner Analyse nach Stefanie Werner ausdrücklich körperliche und geistige Anstrengung ein, was meinen Vergleich mit dem Marathonläufer gar nicht so abwegig macht. Also ist Anstrengung notwendig um Glück oder Freude zu empfinden?  Diese Annahme führt uns weg vom Lernbegriff, hin zur Motivationspsychologie. Stellt sich die Frage ob das so falsch ist.  Also versuchen wir zunächst zu klären was “Lernen” ist. Eine Definition wäre hilfreich. Schüler der Realschule Kropp (SH) fragten Ulrich Kunt (Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie) hier:

“Wie funktioniert Lernen?”  Sie erhielten eine lange Antwort mit 7 Definitionen, die zusammengefasst von Ulrich Kuhnt wie folgt beschrieben werden: “…so ist Lernen ein offener Prozess, bei dem  ein bestimmter Eingang (Information) den Ausgang eines Systems (black box) mehr oder weniger dauerhaft verändert. Dass heißt, in dem System müssen Veränderungen von außen initiiert, und dann dauerhaft abgespeichert werden und abrufbar sein, um den Ausgang des Systems zu verändern.”

(Quelle: http://www.mpibpc.mpg.de/150701/Wie_funktioniert_Lernen?seite=1)

Dabei soll beim Menschen die “Black Box” das zentrale Nervensystem darstellen. Wissenschaftler nehmen derzeit an das sich die Kontaktstellen der Nervenzellen, also die als “Synapsen” bezeichneten Verbindungen der Nervenzellen verändern.  Sie müssen aber zugeben das der “Prozess Lernen” noch weitgehend unverstanden ist. Kurzum: Wir wissen noch nicht genau wie “Lernen” als innerer Prozess funktioniert. Ob der innere Prozess also mit oder ohne Anstrengung zu bewältigen ist können wir auch noch nicht mit “Gewissheit” sagen. Wir wissen aber bereits “das” Lernen funktioniert und es wurde viel dazu geforscht wie es am besten oder auch nur besser funktioniert. Was wir auch wissen, Lernen erfordert einen Input (Lernstoff) und um Veränderungen im Output zu erreichen, müssen wir uns mit dem Input aueinandersetzen. Die aktive und intensive Auseinandersetzung mit dem Lernstoff kann Anstrengung bedeuten, kann dabei aber auch sehr interessant sein und somit Freude bereiten.

Advertisements

6 Kommentare

Eingeordnet unter Bachelor Bildungswissenschaften

6 Antworten zu “Ist Lernen anstrengend?

  1. Ich halte die Motivation zum Lernen zum Lernen für eine entscheidende Komponente. Nach den Erfahrungen meiner letzten Wochen ist sie ein wesentlicher Schlüssel zum Lernen. Motivation hilft immer wieder Probleme zu bewältigen, nicht aufzuhören, weiter zu machen, Schwierigkeiten zu bewältigen. Prof. Burow von der Uni Kassel hat mal in einem Vortrag die Frage gestellt, ob ein 70jähriger noch Chinesisch lernen könnte. Seine Antwort war, wenn dieser sich in eine Chinesin verliebt und mit ihr in ein chinesisches Dorf zieht wo niemand etwas anderes als Chinesisch spricht (oder Mandarin oder wie auch immer), dann kann es ihm in recht kurzer Zeit gelingen. Und mir fallen da auch die Schüler ein, die bei Unterrichtsstoff nicht gerade punkten, aber in Bereichen, die für sie von großem Interesse sind, über umfangreiches Wissen verfügen.

  2. Ja Motivation ist ein zentrales Thema. Die Schwierigkeit für Lehrer zu motivieren wird aus Deinem Beispiel auch sehr gut ersichtlich. Jean-Pol Martin geht für die Eigenmotivation davon aus, dass Menschen ein Grundbedürfnis nach Informationsverarbeitung haben, auch hier müssen Lehrer den Lernstoff so anbieten, dass er der Gundbedürfnisbefriedigung der Schüler entspricht, also die Eigenmotivation der Schüler hochhält. Viele Lehrende sollten über dieses Konstrukt immer mal wieder nachdenken.

    • Mich beschäftigt dazu auch Dewey und der Pragmatismus und die Herstellung eines Bezugs zu dem was man lernt, in der Form einer immer wieder einfließenden direkten und anspornenden Verwendung als Förderung von Motivation.

  3. Dann ist diese Dokumentation vielleicht für Dich von Interesse: http://www.ph-ludwigsburg.de/fileadmin/subsites/3b-ssoz-t-01/user_files/DEWEY_GESAMT.pdf , ich selber beschäftige mich zur Zeit viel mit LdL (Lernen durch Lehren), diese Methode ist auch eine auf Dewey begründete handlungsorientierte Methode. Motivation spielt ebenfalls bei LdL eine zentrale Rolle.

  4. Frage von @mschaki an mich:
    „Besteht „eine Herstellung eines Bezugs zu dem was man lernt, in der Form einer immer wieder einfließenden direkten und anspornenden Verwendung als Förderung von Motivation“ durch die Aufgabenstellung an die Schüler den jeweiligen Stoff ihren Mitschülern zu vermitteln?“
    – Eindeutig. Die Aufgabe, einen stoff den mitschülern zu vermitteln, leitet folgende handlungskette ein: 1. Ich muss den stoff verstehen, nicht oberflächlich sondern sehr gründlich, denn ich weiß, dass bei unklarheiten meine mitschüler nachfragen werden und darauf muss ich vorbereitet sein. 2. Indem ich den stoff durchdringe stelle ich mich mental bereits auf die dastellungssituation im unterricht. Ich klopfe den stoff ab nach inhalten, die besonders gut zu präsentieren sind (didaktisch) und freue mich im vorfeld, wenn ich spannende inhalte und stellen entdecke. Jede neue erkenntnis und verständnisleistung wird emotional positiv verdoppelt (mindestens), denn ich freue mich, verstanden zu haben und ich freue mich bei dem gedanken, im klassenzimmer das verstandene auch anderen zu vermitteln und zu erklären. Die anderen werden mich um meine darstellung schätzen und mögen. Das sehe ich implizit (nicht bewusst) bereits indem ich mich vorbereite. 3. Bereits bei der vorbereitung lasse ich mir didaktische highlights einfallen und freue mich auf die reaktion meiner mitschüler. Auf diese weise werden die zu präsentierenden inhalte bereist im vorfeld positiv geladen. 4. Mein beschreibung zeigt, dass der stoff nicht nur einmal im vorfeld durchgenommen und durchdrungen wird, sondern vielfach umgestaltet und memoriert wird. Dabei hat die präsentation noch gar nicht stattgefunden. 5. Bereits in dieser phase, drängt es mich, vor die klasse zu treten und meine didaktisierten inhalte vorzustellen. 6. Nun stehe ich vor der klasse und führe meine unterrichtseinheit durch. 7. Wenn die präsentation gelingt, befasse ich mich rückblickend immer wieder mit dem ablauf der präsentation und mit dem stoff, der immer stärer emotional positiv geladen ist. 8. Natürlich drängt es mich jetzt stark, die gelungene präsentation in anderen kontexten zu wiederholen. Die leute unter uns, die gelungene stadtführungen durchgeführt habe, wissen, dass sie das gerne immer wieder machen und von mal zu mal ihr wissen ausweiten. Bei LdL läuft es nicht anders. 9. Der drang, den gelernten stoff anzureichen im hinblick auf eine denkbare wiederholte präsentation ist groß. 10. Man bereitet sich mental auf die nächste präsentation, mit einem neuen stoff, und freut sich darauf…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s