Tagesarchiv: Dezember 5, 2014

LdL als didaktische Haltung: Ein Rückblick auf die LdL Tagung in Münster

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Im Anschluss an die beiden ldlmoocs im Frühjahr und im Herbst dieses Jahres fanden sich auf Einladung von Prof. Dr. Hans Joachim Jürgens LdL Interessierte zu einer Tagung am Germanischen Institut der Universität in Münster zusammen. Der LdL Entwickler Prof. Dr. Jean-Pol Martin stellt zur Eröffnung das Menschenbild hinter LdL vor. Sein Glücksmodell, mit der Theorie, das Menschen Informationen als „Futter“ brauchen, um bei deren Verarbeitung (also dem geordneten Einfügen der Informationen in das eigene kognitive Schema) Glück zu empfinden sorgte (erwartungsgemäß) schon durch seine Begriffswahl für kontroverse Diskussionen.   Dies liegt unter anderem daran, dass Begriffe wie Glück, Kontrolle oder Ideologie im allgemeinen und im wissenschaftlichen Sprachgebrauch sehr unterschiedliche Bedeutungen haben. (Anmerkung: Daher gilt für wissenschaftliche Arbeiten auch immer, das zentrale Begriffe definiert werden sollten, um deutlich zu machen in welchem Kontext der jeweilige Begriff in der eigenen Schrift verwendet wird.) Jean-Pol geht in seiner Theorie davon aus, dass der Prozess der Informationsverarbeitung glücklich macht. Um diesen Prozess im Unterricht in Gange zu setzen und stetig aufrecht zu erhalten, sollte man als Lehrender seinen Lernenden stets spannenden und an die eigenen kognitiven Schemata anschlussfähigen Stoff anbieten. Anbieten ist hier das bessere Wort als präsentieren, denn genau so funktioniert LdL. Der Stoff wird den Schülern/ Lernenden (je nach Bildungsraum) angeboten, didaktisieren und vermitteln sollen sie ihn selbst. Der Lehrer bieten im Vermittlungsprozess Unterstützung und sorgt (nur falls nötig) am Ende einer  Lehreinheit als Garant für ein Gesamtverständnis. Der Vermittlungsprozess wird soweit wie irgend möglich den Lernenden überlassen. Das diese Unterrichtsart sehr aktivierend auf die Schüler wirkt bestätigt auch die Aussage des gestern vom Deutschen Lehrerpreis (http://www.lehrerpreis.de/?id=23) zum Lehrer des Jahres in Berlin gewählte Herr Robert Heinrich, tätig am Johann-Gottfried-Herder-Gymnasium, Berlin, der sagte, die beste Unterrichtsstunde ist die, in der der Lehrer gar nichts sagen musste, dann haben die Schüler selbst das Lernen übernommen ( so gesagt im Bericht der rbb Abendschau vom 01.12.2014).

Im folgenden Vortrag gab Uwe Reinders kleine Beispiele aus Unterrichtseinheiten, die zeigten wie LdL funktioniert und wie die Lerner in den Flow kommen, wenn sie gefordert sind anderen den Lernstoff zu erklären und nicht nur den Stoff des Lehrers zu rezipieren.

Diese Praxisnähe setzten nach der Mittagspause auch Dr. Bea Klüsener (Katholische Universität in Eichstätt) und Prof. Dr. Joachim Grezga (Europäisches Haus Pappenheim und Katholische Universität Eichstätt) fort, die LdL im universitären Kontext anwenden und interessante Projekte mit Studenten verwirklichen. Sie gehen über das Haus Pappenheim mit den Studenten und deren Projekten auch an die Öffentlichkeit. Immer wieder zeigt sich, dass schulische und studentische Projekte an der Öffentlichkeit für beide Seiten einen Gewinn darstellen und von der Gesellschaft mit großem Interesse wahrgenommen werden. Auch die Schüler wachsen bei solchen Projekten über sich hinaus und haben Spaß an der Präsentation.   Bei den studentischen Veranstaltungen, die in Form von Seminaren mit abschließender Präsentation stattfanden ging es neben Shakespeare als europäischem Autor und europäischen Jugendprotesten auch um die Analyse europäischer Medien zu verschiedenen Themen – unter anderem den Ukraine-Konflikt und die Beziehung zwischen Russland, Europa und den USA.  Die Themen haben somit einen direkten Bezugspunkt zum realen Leben, also wie von Jean-Pol Martin immer wieder gefordert, spannender Lernstoff mit Bezug zur Realität. Hier liegt auch das Potential der Welt-verbesserungsthematik von LdL begründet.

Peter Ringeisen, Veranstalter des #ldlmooc2 und ging im nächsten Vortrag auf LdL im Sprachunterricht ein, genau vor diesem Hintergrund hat Prof. Jean-Pol Martin LDL Mitte der achtziger Jahre entwickelt. Die hohen Eigenaktivitäten fördern den Sprachunterricht in besonderem Maße. Ringeisen unterstrich ferner die Förderung der Fehlertoleranz bei den Schülern, wenn sie mit LdL unterrichtet werden.

Den Nachmittag eröffnete dann Dr. Harald Kullmann der ein tutorielles Konzept für das Einführungsmodul Naturwissenschaften für Lehramtsstudenten an der Universität in Münster vorstellte. Dieses Konzept wurde entwickelt, um den sehr unterschiedlichen Wissensstand im Bereich der Naturwissenschaften unter den Schulabgängern anzugleichen. Hier betreuen (im Sinne einer Moderation) Masterstudenten Lerngruppen von Bachelor Lehramtsstudenten.  Damit kommt den Lerngruppenleitern eine sehr ähnliche Funktion, wie dem Lehrer in LdL-Unterrichtseinheiten zu. Der Unterschied besteht darin, dass die Masterstudenten letztlich nicht die Verantwortung haben und ebenfalls eine Betreuung durch wissenschaftliche Mitarbeiter bekommen. Dieses Modul zeigt auf wie Lernen mit LdL als Haltung verstanden werden kann und dann nicht nur in Schulen sondern auch an Universitäten verinnerlicht werden könnte.

Dr. Romann  Asshoff stellte in seinem Vortrag das Modul „Heimische Lebensräume“ vor, das Kenntnisse im Flora und Fauna Bereich vermitteln soll. In Teilen des Moduls wird das Modul in Kleingruppenarbeit vorbereitet und es enthält auch Unterrichtssimulationen. LdL ist in diesem Modul so nicht wirklich enthalten, es gibt aber durchaus Ansätze, den Studenten Teilbereiche des Lehrens zu übertragen. Vielleicht wird nach der Tagung mit vielen Inspirationen zur LdL Theorie, an diesem Modul noch ein wenig umgestellt, so dass die Studenten wirklich den gesamten Lehranteil übernehmen. Arbeiten mit dem Bestimmungsbuch  draußen an der Natur sind sehr gut geeignet die Schüleraktivitäten zu steigern und LdL komplett einzuführen. In der Diskussion nach dem Vortrag ging es leider eher darum, ob Kenntnis heimischer Arten wirklich noch vertieft im Zeitalter von Internet mit Google und Wikipedia notwendig sind. Ich meine ja, wenn wir unsere Umwelt vor Gefahren schützen wollen müssen wir uns auch vertieft mit ihr auseinandersetzen.

Den Abschlussvortrag des ersten Tages hielt Felix Woitkowski, der als Sprach- und Schreibdidaktiker an der Universität in Kassel tätig ist und in dieser Position auch an der Universität in Münster tätig war. Die wissenschaftliche Schreibberatung versteht sich traditionell als Coaching. Dabei ist die Schreibberatung oftmals tutoriell organisiert. Wirklich LdL ist das so nicht, aber auch hier könnte eine grundsätzliche Haltung im Sinne des LdL Prinzips das Lernen im wissenschaftlichen Schreibprozess leichter machen. Für ein echtes LdL in der Schreibberatung müssten sich Studenten aus einem Modul gegenseitig im Schreibprozess unterstützen und der Schreibberater hierbei als Moderator fungieren. Dieses würde natürlich zeitliche Ressourcen beanspruchen, wäre aber eventuell in die Bearbeitung von Hausarbeiten einbaubar, denn die Zeitersparnis würde allen Studenten zugutekommen. Die Hebammentechnik der Schreibberater (kann man zum Beispiel an der Universität Köln in 5 Modulen Zusatzqualifikation werden) weißt schon sehr viele Ähnlichkeiten zum LdL- Prinzip auf. Schüler müssen durch Eigenaktivität ein „Flow“ im Schreibprozess herbeiführen.

Der zweite Tag der LdL Tagung in Münster begann mit 5 parallel laufenden Workshops. Da ich selbst mit Dr. Markus Marek von der Universität in Münster einen Workshop im Angebot hatte, kann ich nur von diesem Berichten. Dr. Markus Marek beschäftigt sich mit LdL in der Online Lehre und führte den Teilnehmern die Vorzüge des Lernmanagementsystems Moodle 2 für studentische Eigenaktivitäten vor. Die Rechteverteilung lässt sich in Moodle 2 sehr spezifisch auf die Lernenden übertragen, so dass eigene Lehrmaterialien entworfen werden können. Dies führt die Lernenden weg vom reinen Konsum angebotenen Lehrmaterials und gibt ihnen die Möglichkeit sich aktiv an der Entwicklung der Lehrmaterialien zu beteiligen. Somit unterstützt der Vortrag über Moodle meinen Ansatz, der einen Ausblick auf LdL in der reinen Online Lehre werfen sollte und Programme erörtern sollte, die kollaboratives Lernen im Sinne von LdL unterstützen. Die Grenzen von LdL tauchen in der Online Lehre auf, wenn man sich im CMooc Bereich verstanden wissen will. In CMoocs, entwickelt von George Siemens, Steven Downes und Dave Cournier, verstehen sich die Lehrenden mehr als Impulsgeber. Dies hat für Lehr- Lernsettings weitreichende Folgen. Der Lernende entscheidet nicht nur selbst was und wieviel er lernen möchte, sondern im obliegt auch in Eigenverantwortung das Setzen und das Einhalten seiner Lernziele.  Hier ist also die so wichtige Kontrollfunktion des Lehrenden im Sinne eines Garanten, der vom Unbestimmten wieder in die Bestimmtheit für alle Lernenden führt nicht mehr gegeben. Da der Lehrer in LdL diese  Garant Funktion aber nur aktiv ausübt, wenn es den Lernenden nicht selbst gelingt Kontrolle herzustellen, ist das Lernen mit LdL eine gute Vorbereitung zum Lernen in cMoocs, genau wie zum eigenverantwortlichen Lernen im späteren (Berufs-) Leben. Auch das heute immer wieder geforderte informelle Lernen, setzt voraus, das Lernende sich Lernziele stecken können und in der Lage sind zu überprüfen in wieweit sie diese jeweils erreicht haben. Mit den Unterschieden des Lernens in cMoocs und LdL hatte ich mich schon in meiner Hausarbeit zum Modul 3A Mediale Bildung und Medienkommunikation befasst.

Genau diese Fähigkeiten greift Prof. Dr Lutz Becker mit seinem Vortrag aus der Praxis auf. Er lehrt an der Fresenius Hochschule in Köln in den Studiengängen „BA International Marketing“ und MA Leadership“ in sehr praxisbezogenen Studiengängen. Im Bereich der Pädagogik also ein Fachfremder, der die LdL Methode aber auch für nützlich und wirksam hält und sie in seine universitäre Lehre eingebunden hat. Problemlösekompetenzen werden in der sich schnell verändernden Welt immer wichtiger, manchmal „verändert sich die Welt sogar ruckartig“, sagt Prof. Lutz Becker. Wenn man „Innovationen wie er als kulturelle Angebote an die Gesellschaft versteht“ kann solch eine ruckartige Veränderung auftreten, wenn die Gesellschaft bereit ist eine Paradigmenwende zu vollziehen. Das bedeutet auch, das Experten des alten Paradigmas dann schnell überflüssig sind und ihr Wissen keinen Wert mehr darstellt, oder mindestens einem enormen Wertverfall unterliegt. „Als Experte heute, bist Du der Depp von morgen“ damit meint Lutz Becker dass man sich nicht zu sehr auf Nischenwissen verlassen sollte und sein Wissen anschlussfähig an Veränderungen halten muss.  So lässt er im Sinne von LdL seine Studenten selbst Probleme lösen und will sie damit fit machen um Innovationsprozesse und organisatorischen Wandel später in verantwortlichen Führungspositionen moderieren und steuern zu können.  Ein schöner Abschlussvortrag der allen Teilnehmenden vor Augen führte, dass LdL auf das Leben und Berufsleben intensiv vorbereitet.

Mein Dank geht an Prof. Dr. Dr. Hans Joachim Jürgens und an das gesamte Organisationsteam der LdL Tagung in Münster. Sie haben die Tagung bis ins Detail durchorganisiert und dafür gesorgt, dass sich die Teilnehmer voll und ganz den Inhalten widmen konnten.

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