Tagesarchiv: August 4, 2015

45 Minuten Lernen und dann Pause, oder was?

Eine kurze philosophische Anmerkung zum #EdchatDE Summerspecial am 04.08.2015 mit dem Thema Zeitmodelle für den Unterricht moderiert von Monika Heusinger und Peter Jochum.

Immanuel Kant machte sich Gedanken um Freiheit und Zwang in der Erziehung20150804_080212, John Dewey überlegte wie Demokatie in der Erziehung zusammenhängen. Dabei hat Dewey für den Unterricht auch immer die Erziehung zu einem aktiven Mitglied einer demokratischen Gesellschaft eingefordert. Dabei machte sich Dewey viele Gedanken um Projektmethoden, forschendem Lernen, offenem Unterricht und immer wieder um eine Verbindung von praxisbezogenem Lernen und theoretischer Reflektion, die mit „learning by doing“ oft zu verkürzt dargestellt wird.

Die 45 Minuten Schulstunde in Deutschland sind ein Zwang aus Zeiten der Preußen um der Müdigkeit der Kinder im Nachmittagsunterricht entgegenzuwirken. Schon damals gab es einen Kompromiß aufgrund von Zwängen, die Unterrichtszeit sollte kürzer werden, die Stundenanzahl aber erhalten bleiben. So strich man die Stunde auf 45 min zusammen.

Welche Zwänge tauchen denn heute auf, wenn wir das 45min Modell in Frage stellen wollen:

– alle Stunden und Fächer sollen erhalten bleiben (daran hat sich auch nach über 100 Jahren nichts geändert, jeder Fachlehrer wird seine Pfründe verteidigen).

– es braucht Pausen zum Lernen

– gemeinsame Pausen an einer Schule ermöglichen den Austausch der Schüler über den eigenen Klassenverbund hinaus, bei individuellen Lernpausen innerhalb eines Klassenverbundes wird es schwieriger)

– Unterrichtsanfang und -ende müssen schon für Dritte (Eltern, Familie der Lehrer, Sportvereine, Freizeiteinrichtungen) und auch für Lehrer und Schüler klar kommuniziert werden

– Mittagspausen sind für evt. Vorhalten von warmer Verpflegung in einem zeitlichen Rahmen einzuhalten (Öffnungszeiten der Schulkantine)

Diese Liste ist beiweitem nicht vollständig, es gibt also viele Zwänge die eine Struktur des Schullalltages notwendig machen. Diese Zwänge bedeuten immer ein Stück Einschränkung von Freiheit im Sinne der Theorie von Kant. In diesem Falle der Freiheit wann und wie lange Schüler in der Schule lernen.

Welche Freiheit sollte denn bei der Abkehr der 45min Schulstunde gewährt werden?

– Sind 90 min besser als 45 min, oder 120 min?

– Soll ohne Stundenplan in der gesamten Schulzeit frei gelernt und pausiert werden (Ein Gleitzeitmodell für die Schule etwa)?

– soll Lernen in 15min Einheiten zergliedert werden, wie etwa in den klassischen amerikanischen xMoocs. 15min Stoff und dann ein kurzer MC Test, danach eine Pause.

Bei Antworten auf all diese Fragen (für die sich meist sowohl positive als auch negative begründete Antworten finden lassen) spielen 2 Perspektiven eine Rolle:

Die gesellschaftliche Perspektive: Schule muss sich den gesellschaftlichen Zwängen unterordnen. Hierzu zählen zum Beispiel eine verlässliche Anfangs- und Endzeit, um außerschulische Aktivitäten und familiäres Leben zu ermöglichen, hier spielen auch gesetzliche Zwänge eine Rolle, wie gesetzliche Vorgaben für Unterrichtsstoff und Schulzeiten, Arbeitszeitvorschriften für die Lehrer, Aufsichtspflichten, Vorschriften zum Vorhalten warmer Speisen (Öffnungszeiten der Kantine), aber auch ungeschriebene gesellschaftliche Erwartungen wie Gewöhnung an eine Tagesstruktur, Vorbereitung auf die Arbeitswelt spielen eine Rolle. Weitrhin spiel für die Gesellschaft auch die Kostenfrage eine Rolle, inwieweit erfordern individuelle Lösungen Mehrkosten, wer soll diese Tragen. Auch die politischen Forderungen wirken hier: Chancengleichheit bei individuellen Lösungen, Berufsfähigkeit nach individuelleren Schulabschlüssen, Vergleichbarkeit und Anerkennung in einer globalisierten Welt.

Die pädagogische Perspektive muss die Frage nach dem idealen Zeittakt um erfolgreich zu Lernen stellen. Welche Pausen brauchen Schüler Gelerntes zu verarbeiten, welche Pausen brauchen sie um wieder aufnahmefähig zu sein. Sind kurze thematische Wechsel, vor allem wenn nicht aufeinander bezogen, sinnvoll für erfolgreiche Lernfortschritte oder nicht. Wie kann man Bewegung in längere Unterrichtseinheiten einbauen. Wie wichtig ist Austausch über den Klassenverband hinaus um erfolgreich zu lernen? Wie lange können Lehrer sich konzentrieren um optimalen Unterricht zu gestalten?

Viele Fragen aus 2 Perspektiven, immer drehend um die Begriffe Zwang und Freiheit. Eine Antwort möchte ich hier gar nicht geben, wohl aber eine Anregung für den #edchatDE auf Twitter heute abend (04.08.2015) und die Möglichkeit eigene Meinungen und Tweets hinsichtlich dieser Perspektiven zu reflektieren.

Natürlich ist es kein Zwang am #EdchatDE heute abend teilzunehmen, aber ihr solltet euch die Freiheit nehmen. Von 20 – 21 Uhr auf Twitter mit dem Hashtag #edchatDE. Hier gibt es vorab Informationen: http://monika-heusinger.info/blog/edchatde90

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