Monatsarchiv: Dezember 2011

Krise des Berufsbegriffes

Prof. Walter Georg über die Krise des Berufsbegriffes (das Buch ist in der Literaturliste zu Modul 1C angegeben)
dazu aus:
 „ Studienbuch Theorien der beruflichen Bildung“ Ute Lange/Klaus Harney/Sylvia Rahn / Heidrun Stachowski (Hrsg.) Klinkhardt Verlag ISBN 3 – 7815 – 1158 – 8 : Abschnitt 6 W.Georg Wertigkeit von beruflicher Bildung und Beruf – von der Modernität des Unmodernen (1993) S. 199 ff

6. Schlussfolgerungen: [ Anmerkungen von mir]
Kein Berufsbildungssystem eines Industrielandes kann für sich in Anspruch nehmen, seine Strukturen und Inhalte aus den funktionalen Erfordernissen und der Sachlogik industrieller Qualifikationsanforderungen entwickelt zu haben. Das gilt auch und insbesondere für das deutsche System dualer Berufsausbildung, dessen Entstehung und Konsolidierung historisch weniger mit einer Qualifikationslücke als vielmehr mit einer Integrations- und Legitimationslücke begründbar ist. Insofern sind auch Hinweise auf das Modernitätsdefizit des Berufskonzepts und des Berufsbildungssystems wenig überzeugend, unterstellen sie doch einen universell gültigen Maßstab an dem sich Modernisierungsfortschritte messen lassen. Wer das Berufskonzept und das daran gebundene Berufsbildungssystem mit Verweis auf deren Modernitätsdefizit als antiquiert bezeichnet und ins Museum verweist, bleibt letztlich der Vorstellung verhaftet, daß sich aus der technischen und wirtschaftlichen Entwicklung neue Varianten von Sachgesetzen und Zwängen ergeben, denen sich Bildungssystem und Bildungspolitik zu unterwerfen haben. [Das haben wir gelernt ist aber historisch so bei uns nicht geschehen, die Bildungspolitik war immer politisch motiviert und ist historisch als staatlich organisiert, normiert und zertifiziert gewachsen.] Der alte Technikdeterminismus wird durch einen Modernitätsdeterminismus ersetzt. Die aus ihm abgeleiteten Schlussfolgerungen einer notwendigen Deregulierung beruflicher Standards bleiben bisher weitgehend destruktiv [ Zerstörung der Verortung auf das Berufsprinzip in Deutschland ohne die Konsequenzen die damit verbunden ist zu Ende zu denken, nämlich wenn der bei uns als dreigeteilter Arbeitsmarkt gedachte auf ein zweigeteiltes System heruntergebrochen werden muss, ohne eine bei uns gewachsene betriebsorientierte Berufsausbildung mit ihren dafür notwendigen gewachsenen sozialen Strukturen ( die z.B. in den USA und in Japan vorhanden sind] ; Problemlösungen werden der postmodernen Beliebigkeit überlassen.
Vor dem Hintergrund der neu gewonnenen Handlungsspielräume und deren betriebspolitischer Nutzung lassen sich Entwicklungen des Berufsbildungssystems nicht mehr aus einem wie auch immer definierten gesellschaftlichen Qualifikationsbedarf begründen. Es sind vielmehr die subjektiven Qualitätsansprüche an Arbeit und Beruf, die wesentlich über die Formen der Nutzung von Arbeitsvermögen mitentscheiden. Diese Ansprüche zu stärken und ihnen Geltung zu verschaffen, kann nur bedeuten, die berufliche Kompetenz der Arbeitenden zu erweitern und sie nicht auf die einzelbetriebliche Verwertbarkeit zu beschränken. [Hier wird deutlich das Georg ein Verfechter des Berufsprinzips (für Deutschland) ist, und eine berufsorientierte Bildung (wenn auch modernisierungsbedürftig und stetig anpassbar) für unerlässlich hält. Berufsorientiert meint hier vor allem: staatlich normiert, organisiert und zertifiziert.] Mit dem Verlust der Dimension des Berufs würde die Rückbindung betrieblichen Lernens an einem beruflichen, überbetrieblichen Gesamtzusammenhang verlorengehen und damit auch die Handlungskompetenz zur subjektiven Mitgestaltung von Arbeit, zur langfristigen Lebensplanung und Lebensgestaltung [dieses kann man auch so interpretieren das Georg den sozialen Halt der (dt.) Gesellschaft eng mit dem Berufsprinzip koppelt und ohne ihn den sozialen Frieden und den sozialen Halt der Gesellschaft gefährdet sieht.] Der Beruf scheint mir eine unverzichtbare Voraussetzung für den Erwerb möglichst umfassender überbetrieblich einsetzbarer und ausbaufähiger Kompetenzen, die neben der Bewältigung vorgegebener Aufgaben auch die Befähigungen zur Veränderung und Verbesserung von Arbeits- und Lebensbedingungen einschließen.
Der Artikel macht für mich deutlich wie tief das Berufsprinzip in unserer Gesellschaft verankert ist (beim Lesen des Stellenmarktes wird im Anforderungsprofil so gut wie immer ein Beruf als Voraussetzung angegeben. Wie schwer wäre es das aus den Köpfen (nicht nur der Personalabteilungen) herauszubekommen. Aber auch was kommt da noch auf uns zu im Zuge der Harmonisierung des EU Arbeitsmarktes mit Ländern wie Frankreich und England, die nicht berufs- sondern betriebsorientiert sind.
Marc

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